Dark Blood – Leseprobe

Prolog

10. April 1442, Ostersonntag.

Kalt fielen die letzten Strahlen der kraftlosen Frühlingssonne durch die Ritzen der morschen Fensterläden. Ein eisiger Lufthauch folgte ihnen. Harsch trieb er das Licht zwischen den schweren Vorhängen hindurch und auf das blank polierte Geschirr, auf dem es sich funkelnd brach und nichts als einen seichten Schimmer hinterließ. So vergänglich. So lächerlich.

»Gleich ist es Nacht«, flüsterte das Mädchen und hielt den Blick starr auf die unter der Kraft des Windes erzitternden Läden gerichtet. Tiefrot glühte der mächtige Feuerball dahinter, als wolle er sich der drohenden Schwärze widersetzen. Die Dämmerung setzte ein. Niemanden kümmerte es.

Die einfachen und doch so bedeutsamen Worte gingen im Tumult der Menge unter. Lachen, Grölen, Brüllen, alles verschwamm zu einer Melodie der Bedeutungslosigkeit. Das verzehrende Knacken des Feuers inmitten des gewaltigen Kamins, das Krachen unzähliger Krüge auf den langen Tafeln. Dutzende Leiber drängten sich in der Festung Târgoviştes. Alte Männer und ihre Frauen, dicke Männer in schweren Gewändern. Geachtete Familien. Heuchler, allesamt. Der Adel ihres Volkes, nutzlos und verachtenswert. Da, die Reihe der fetten Händler auf der anderen Seite des Saales schrie nach mehr Wein. Sollten sie trinken. Vielleicht würde sie später in der Nacht wiederkommen, mit ein paar getrockneten Blättern aus dem Schrank ihrer Mutter. Sie würde es nicht bemerken, vor allem nicht in dieser Nacht. Die alten Kerle wüssten nicht, wie ihnen geschähe, bevor sie …

»Zügle deine Gedanken, Valentina.«

Die raue Stimme ihres Sitznachbarn trieb ein Zittern bis in ihre Fingerspitzen. Kalt sah er auf sie herab. Die in den dunklen Augen liegende Härte verlieh seinen Zügen etwas Forsches, Unnachgiebiges. Tief hatte er die dunklen Brauen in die Stirn gezogen, die schiere Breite seines muskelbesetzten Körpers flößte jedem Mann Respekt ein. Nicht zu Unrecht war es an ihm, die Söhne der Herrscherfamilie in der Kriegskunst zu unterweisen. General Alexei Dăneşti widersprach man nicht. Wer wusste das besser als sie?

»Verzeiht, Vater.« Um Ruhe bemüht sah Valentina auf den vor ihr stehenden Teller und hielt sich davon ab, die Fäuste zu ballen. Sie hasste einfach alles an diesem Tag. Die goldene Ikone oberhalb des Kamins schien ihren Blick zu heben und sie hämisch auszulachen, dabei sollte sie doch leiden und am Kreuze vergehen. Ein undankbarer Tod. Und doch zwang sie der tote Gottessohn an diesem ach so heiligen Tag in einen Saal voller feiernder Dummköpfe, die endlich wieder nach Herz und Lust Fleisch und Früchte verschlingen durften. Als ob diese jämmerlichen Kreaturen jemals darauf verzichtet hätten.

Ein leises Zischen erinnerte sie daran, dass nicht nur auf der anderen Seite abscheuliche Kreaturen zugegen waren.

»Mit genug Schwung krieg ich den auch mit diesem Messer hier auf den Boden«, murmelte ihre jüngere Schwester, stieß erneut zischend die Luft aus und griff nach dem silbernen Besteck. Sie stützte den Ellbogen auf den massiven Tisch und führte die stumpfe Klinge von ihrer Schulter bis auf die Tischplatte. »Genügend Angriffsfläche bietet der allemal.«

Valentina verdrehte die Augen und legte die Hände auf die hohen Stuhllehnen. »Der wird dir nicht genug bluten, Teufelsbrut. Durch das Fett kommst du nie durch. Verschwinde doch einfach und such dir ein Huhn.« Es wäre nicht das erste Tier, das Anastasias krummen Fingern zum Opfer fiele. Genau genommen hatten sie alle längst aufgehört, die Anzahl der verendeten Seelen auch nur schätzen zu mögen. Dafür hatte die Jüngere viel zu viel Spaß an Tod und Gewalt.

Anastasia schürzte die Lippen und klopfte mit dem Messer dagegen. Man hätte fast meinen können, dass sie nachdachte. Aber nach acht Jahren ohne auch nur einen sinnvollen Gedanken würde sie wohl kaum ausgerechnet heute damit anfangen.

»Bist du sicher, Valenka? Vielleicht könnte ich …«

»Nein. Kannst du nicht.«

»Aber mit einem Dolch oder …«

»Als ob es mir um die Waffe ginge, Nastja. Du bist viel zu dämlich, um einen Menschen zu töten. Sogar der Fettsack wäre zu schnell für – Au!«

Ein scharfes Brennen entflammte auf Valentinas Handrücken. Ruckartig zog sie die Hand in den Schoß und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf den tiefen Striemen, der sich rot glänzend von ihrer hellen Haut abhob.

»Biest!«, fauchte sie und griff blitzschnell nach ihrem eigenen Messer. »Teufelsbrut! Elende …«

»Wollt ihr nun endlich still sein!«

Valentina presste die Lippen zusammen und barg die verletzte rechte in der linken Hand. Anastasia ließ die blutverschmierte Waffe zu Boden gleiten, mit einer Unschuldsmiene, hinter der jeder Narr die glühende Boshaftigkeit erkannt hätte. Tief einatmend verdrängte Valentina den Schmerz. Eine ihrer leichtesten Übungen, wenn sie nur daran dachte, sich später an dieser verdammten, blutliebenden Ausgeburt der Hölle zu rächen. Kampfeskraft, Kampfesgeist und Kampfeslust, all das trainierte ihr Vater mit ihnen beiden seit ihrem dritten Lebensjahr. All das vereinigten die zwei Dăneşti-Töchter in sich wie niemand sonst – auch wenn Valentina ihre Schwester natürlich nicht nur übertraf, weil sie zwei Jahre älter und dem harten Regime Alexei Dăneştis länger ausgesetzt war. Nein, Anastasia war nicht nur rücksichtslos, blutgierig und kämpferisch, sondern vor allem eines: dumm. Ihre Mutter mochte es beschönigen, ihr Vater es ignorieren. Valentina sah es, wie es war. Über eine Entscheidung oder Handlung nachdenken? Überflüssig. Mit Taktik an einen Kampf oder eine Aufgabe herangehen? Viel zu kompliziert. Einfach drauf losschlagen? Oh ja, das konnte die Kleine.

Ihr Vater räusperte sich. Valentina beobachtete, wie er sich die dunklen Haare hinter die Ohren strich. Tiefe Falten gruben sich in seine Stirn. Immer wieder flog sein Blick wie der ihre zu den Fensterläden, durch die nun nichts mehr als Dunkelheit drang. Auch er war ungewohnt unruhig, besorgt – nur aus einem ganz anderen Grund als sie.

»Hast du dich endlich entschieden, Valentina?«, fragte der Oberste der Dăneşti-Familie. Dabei sah er sie nicht einmal an.

»Ja«, sagte sie schlicht. Eine Lüge.

Ihr Vater richtete den Blick auf die Tafel, die am dichtesten beim wärmenden Feuer stand. Valentina tat es ihm gleich und beobachtete die dort sitzenden Männer. Die Draculeştis, die herrschende Familie. Eine Rolle spielten bloß vier von ihnen, doch der älteste Draculeşti hatte Târgovişte verlassen und den Thron der Walachei seinem ältesten Sohn Mircea überlassen. Warum der Woiwode momentan nicht am Hofe war, hatte Valentina nicht genau verstanden. Ihr Vater war als General über alle Schritte genau informiert, aber vor seinen Töchtern schwieg er über alles, was die Konflikte ihres Landes mit den Osmanen betraf.

»In wenigen Stunden jährt sich der Tag deiner Geburt, Valentina. Bis Sonnenaufgang erwarte ich ein Ja, das nicht schwer von Lüge ist.«

Valentina wusste nicht viel über Mircea, bloß, dass er mit seinen zwanzig Jahren doppelt so alt war wie sie. Mit ihm gesprochen hatte sie noch nie. Generell wirkte er mit seinem ruhigen Blick und der bedachten Art eher … schlicht. Intelligent und gütig vielleicht. Doch kein wirklicher Herrscher.

»Ja, Vater«, sagte sie. Und dann traf sie ein anderer Blick.

Zum ersten Mal an diesem Abend sah Vlad zu ihr herüber und schenkte ihr prompt ein amüsiertes Lächeln. Sie erwiderte es und deutete ein Schulterzucken an. Er griff nach seinem Becher und prostete ihr zu, dann hob er eine Augenbraue und nickte in Richtung der mampfenden Fettsäcke. Valentina legte grinsend ebenfalls die Hände um ihren mit Țuică gefüllten Krug. Vlad III. war ein Herrscher wie kein anderer. Die dunklen Augen schmal und aufmerksam, die Wangen eingefallen unter den hohen Knochen. Ein harter Zug um das markante Kinn. Und doch ein Junge von elf Jahren. Die Tiefe seines Blickes zeugte von Wissen und Stärke.

»Es ist die Tradition unserer Familie, Valentina«, sprach Alexei hart. »Du wirst nicht damit brechen. Drei Überzeugungen, drei Prinzipien. Was bedeutet es, eine Dăneşti zu sein? Welche Werte sollen dein Handeln bestimmen? Wähle endlich.«

Vlad wandte sich seinem fünfjährigen Bastardbruder Radu zu und lachte über etwas, das dieser sagte. Der Kleine brachte ein verzerrtes Grinsen zustande und fügte noch etwas hinzu. Der kleine Finger seiner rechten Hand zuckte dabei, wie immer, wenn er log. Zumindest diese Reaktion hatte er mit seinem älteren Bruder gemein.

Valentina lehnte sich zurück und strich gedankenverloren das Blut von ihrem Handrücken. All diese Fragen hatte ihr Vater ihr schon so viele Male gestellt. Diese und viele mehr. Sie musste sich nur für drei von ihnen entscheiden. So würde sie sich in die lange Reihe der Dăneştis eingliedern, die an ihrem zehnten Geburtstag die Grundsteine ihres Lebensweges festlegten. Dabei würde doch gerade die heutige Nacht ihre Zukunft von Grund auf verändern! Wie sollte sie sich da auf irgendetwas festlegen?

»Falls du nur einen Anfang finden musst – wähle die Treue«, sagte ihr Vater. »Mircea wird nicht zögern, dich an seine Seite zu rufen. Er hat sich eingehend mit den heranwachsenden Kriegern vertraut gemacht, seitdem sein Vater … fort ist. Er wird ein guter Herrscher sein.«

Valentina schluckte und ballte die Faust, sodass neues Blut über ihre Knöchel lief. Treue. Ja, die wollte sie wählen. Aber nicht für Mircea.

»Ihr beide habt einen Narren an Vlad gefressen. Und er an euch. Doch er wird nicht herrschen, Valentina. Schlag dir das aus dem Kopf.«

Auch Anastasia zuckte bei dem missmutigen Klang der Stimme ihres Vaters zusammen. Wie immer. Nastja ertrug weder die Missbilligung ihres Vaters und Lehrers noch jegliche Erwähnung von Vlads Namen. In seiner Gegenwart war es noch schlimmer, dann erstarrte sie vollkommen. Valentina war das nur recht. Das kleine Biest schwieg viel zu selten.

Sechs Jahre war es her, dass Vlad mit seiner Familie nach Târgovişte gekommen war. Kurz darauf begann seine Ausbildung in der Hand von Alexei Dăneşti. Zu diesem Zeitpunkt hatte Valentina ihm bereits ein Jahr der Übung voraus. Alexei erkannte schnell, dass es nur förderlich war, seine älteste Tochter und den Fürstensohn gegeneinander antreten zu lassen.

»Bei Sonnenaufgang wirst du dich entschieden haben.« Die Fingernägel ihres Vaters kratzten über das blanke Holz. Seine Brust hob und senkte sich in unnatürlich schnellem Takt, während er seinen Becher ergriff und die blutrote Flüssigkeit hinunterstürzte. Valentina schluckte. Er trank sonst nie.

»Binde dich nicht an einen Zweitgeborenen«, knurrte er. »Das ist deiner nicht würdig.«

Nicht würdig, wiederholte Valentina in Gedanken und ballte die Fäuste. Die Flammen des Feuers flackerten vor ihren Augen. Nicht würdig.

Alles in ihr sträubte sich gegen diesen Gedanken. Denn er war nicht richtig. Wenn es einen Menschen gab, einen einzigen Mann auf dieser dreckigen, grausamen Welt, der ihrer Treue würdig war, dann war es Vlad Draculeşti.

»Vater, ich …«

Jede weitere Silbe blieb ihr im Halse stecken, als die Tür aufgestoßen wurde. Donnernd knallten die schweren Metallbeschläge gegen die steinerne Wand.

Ihr Vater war aufgesprungen, noch bevor die feiernde Meute sich gänzlich zu dem eintretenden Jungen umgewandt hatte. Dieser schnappte nach Luft und schien sich erst irgendwo abstützen zu wollen, da gewahrte er den starren Blick des Generals. Und nickte.

Feinen Eissplittern gleich bohrte sich die Kälte in Valentinas Venen. Immer lauter klang ihr Herzschlag in ihren Ohren wider, gewann an Kraft und Schnelligkeit.

»Los, Mädchen, los! Es ist so weit!«

Die Stimme ihres Vaters überschlug sich beinahe. Mit einem Ruck zog er die Stühle seiner Töchter zurück, ergriff ihre Hände und hob sie mühelos von den Sitzflächen. Valentina musste lange Schritt machen, um nicht zu stolpern. Anastasia folgte mit gestrecktem Arm und kam mit ihren kurzen Beinen kaum hinterher.

Die Lichter der Halle zuckten wie im Traum an Valentina vorbei. Das Feuer, die Bilder, die bunten Gewänder. Überall Freude, Ausgelassenheit. In dieser Nacht, die ihren Untergang bedeuten könnte. Nun war es nicht mehr aufzuhalten.

Ihr letzter Blick galt Vlad. Dicht vor der Tür warf sie den Kopf herum, suchte und fand ihn. Eine tiefe Falte grub sich in seine Stirn, Schatten lagen auf den schwarzen Augen. Er wusste, dass die nächsten Minuten alles ändern konnten.

Knallend fiel die Tür hinter ihnen ins Schloss. Die Muskeln ihres rechten Arms protestierten unter dem ständigen Druck, doch ihr Vater ließ sie nicht los. Immer weiter zog er sie durch die dunklen Gänge der Festung, durch schmale Flure und Treppen hinab, bis die kühle Nachtluft über ihre Haut strich. Die Hauptstadt der Walachei lag in vollkommener Dunkelheit unter ihnen, während sie dem abfallenden Weg folgten, immer auf die Stadtmauer zu. Eines der flachen Häuser dort war hell erleuchtet.

Anastasia stieß ein Wimmern aus. So wendig und flink sie auch war, die Schritte ihres Vaters waren zu lang für sie. Alexei Dăneşti warf einen missbilligenden Blick über die Schulter und beschleunigte noch einmal. Als sie kaum noch zehn Manneslängen von ihrem Elternhaus entfernt waren, rutschten Anastasias schweißnasse Finger aus seinem Griff. Kurzerhand ließ er sie beide los.

Keuchend fielen die Schwestern nebeneinander auf den eisigen Boden. Anastasia rollte sich auf den Rücken und schloss um Atem ringend die Augen, während Valentina auf den Knien blieb und beobachtete, wie ihr Vater die geöffnete Tür erreichte. In diesem Moment trat die Hebamme daraus hervor, ein kleines Bündel in den Armen. Es schrie.

»Na los«, brachte Anastasia hervor, ohne sich aufzusetzen. »Sag es.«

Alexei Dăneşti griff nach dem Bündel. Valentina erkannte, wie er die dünnen Stoffbahnen zur Seite schob – und lächelte.

Stumm sah sie zu ihrer Schwester. Ein Blick genügte.

Denn in diesem Moment büßte alles, was sie sich so hart erarbeitet hatten, seinen Wert ein. Ihr Schicksal verlor seinen Glanz. Seine Größe. Seine Wichtigkeit. Sie waren nicht länger die kriegerischen Dăneşti-Schwestern, die eines Tages in die Fußstapfen ihres Vaters treten würden. Sie waren nicht länger seine Erben.

Denn dieser kleine Wurm dort in den Armen ihres Vaters stand nun über ihnen. Dieser nutzlose, erbärmliche, männliche Wurm.

Valentina sank zurück und streckte die Beine von sich, unfähig, den Blick von dem gerade geborenen Leben abzuwenden. Der sehnlichste Wunsch ihres Vaters war erfüllt. Er hatte einen männlichen Nachkommen.

Das zarte Klopfen der Verzweiflung sandte ein Beben durch ihr Herz. Doch sie ließ sie nicht ein. Nein, in ihr war kein Platz für Verzweiflung, für Angst oder Unsicherheit. Das, was nicht nur ihr Herz, sondern auch ihren Geist in diesem Augenblick flutete, war nichts als brennende Wut. Und grenzenloser Hass.

Was bedeutet es, eine Dăneşti zu sein?

Valentina hob den Kopf. Der Mantel der drückenden Schwärze lag über Târgovişte. Sie musste nicht länger darauf warten, dass er sich lichtete. Sie traf ihre Wahl.

»Ich folge dem, der meiner würdig ist«, flüsterte sie. Der Wind riss ihr die Worte von den Lippen.

Dann sah sie zu ihrer Schwester. Anastasia hatte ihr Messer gezogen, ein kleines, schmuckloses Ding. Sie drehte die Waffe in der Hand, leckte sich über die Lippen. Als sich ihre lodernden Blicke nun trafen, wussten sie beide, dass dieser stumme Schwur sie verband – stärker, als sie sich je aneinander gebunden hätten. Wie eben noch der Bote in der steinernen Halle nickten nun die beiden Schwestern. Vereint im Hass auf den, der ihnen mit seinem ersten Atemzug alles genommen hatte.

Doch dies war es nicht, was sie sich selbst schwören wollte. Sie würde nicht zulassen, dass diese Nacht, die Geburt dieses jämmerlichen Jungen alles zerstörte. Valentina betrachtete ihre Schwester, runzelte die Stirn und wählte ein weiteres Mal.

»Zu viel Gewalt macht dumm«, raunte sie und spürte dabei schon fast ein Grinsen auf ihren Lippen.

Dann sah sie wieder nach vorn und ballte die Fäuste, als sie das dritte Prinzip formulierte. Der letzte von drei Sätzen, nach denen sie all ihre folgenden Lebensjahre ausrichten würde.

»Niemand erniedrigt mich und kommt mit dem Leben davon.«


DIE MAGISCHEN VÖLKER UNSERER ZEIT

DSCHINN

Maride: Oberste Gattung der Dschinn, blaue Haut. Stolz und arrogant, beherrschen das Wasser.

Afrite: Aus Feuer geboren, schwarze Haut. Kriegerisch und aufbrausend.

Ghule: Niedere, missgestaltete Dschinn ohne magische Kraft. Gestaltwandler.

LICHTES VOLK

Fae: Naturverbundene Herrscher des Lichten Hofes. Menschengroß, friedliebend, schützen die Menschen vor schädlicher Magie.

Sidhe: Handgroße, bunte Wesen mit Flügeln. Zu einfacher Naturmagie fähig.

Kobolde: Hausgeister, gierig und starrsinnig, aber nicht bösartig.

GEISTERWESEN

Geister: Durch einen gewaltsamen Tod zerrissene Seelen. Können keinen Einfluss mehr auf diese Welt nehmen, sind an ihre Mörder gebunden.

Acephale: Kopflose Wesen mit Augen auf der Brust. Verkörpern Wissen und Weisheit der Ungehörten.

Irrlichter: Flackerndes Licht. Entstehen aus Einsamkeit und Unglück der Verstorbenen.

VAMPIRE

Blutsaugende Untote. Keine magischen Fähigkeiten, aber durch Magie entstanden. Wie, ist unbekannt. Noch …


 

TEIL 1:

NIEMAND UNTERGRÄBT MEINE AUTORITÄT, OHNE DASS SEIN KOPF ROLLT.

 


 

Kapitel 1

Fast 600 Jahre später.

 

Was bedeutet es, eine Dăneşti zu sein?

Im Schein des Feuers sacht schimmernd verließ das Messer ihre Hand, durchschnitt zischend die Luft und versank bis zum Heft zwischen den nachtschwarzen Steinen.

Es bedeutet zu folgen.

Bedächtig zog sie eine weitere Klinge aus der Halterung. Ein leises metallisches Schaben erklang, zeigte ihr, wie scharf diese einfache Waffe war.

Es bedeutet zu kämpfen.

Dumpf schlug das zweite Messer ein, feiner Staub stob auf. Sie wog das dritte in der Hand, schleuderte es von sich und verfolgte seinen Flug.

Es bedeutet zu töten.

Valentina lehnte sich in ihrem Sessel zurück und betrachtete die feinen Risse, die das letzte Messer im Gestein hinterlassen hatte.

Sie war gefolgt, ihr Leben lang. Sie hatte gekämpft, ihr Leben lang. Und sie würde weiter töten – ihr ganzes verdammtes Leben lang. Das bedeutete es, eine Dăneşti zu sein. Auch wenn sie die Prinzipien mit der Zeit umformuliert hatte, waren es noch immer dieselben. Sie formten die Fesseln ihres Lebens.

»Nun komm endlich zum Punkt, Erristomja. Wir haben nicht die ganze Nacht Zeit.«

Valentina erhob sich, ohne den hinter ihr Streitenden Beachtung zu schenken. Michail wollte sie in allen Belangen ihres Geschäftes unterstützen. Dazu gehörte nun einmal auch die Verhandlung mit einem missratenen, gierigen Kobold.

»Das ist mir bewusst, edler Herr, doch ich fürchte, diese Entschädigung ist nicht ausreichend im Angesicht des immensen Aufwandes, den meine Wenigkeit betreiben musste, um an dieses Schmuckstück zu kommen. Seht doch nur, wie es funkelt und glänzt! Eine edle Ware, fürwahr, fürwahr. Einer Königin mehr als würdig.«

Ruhig ging sie die sieben Schritte bis zur gegenüberliegenden Wand aus schwarzem Marmor und zog mit einem Ruck das erste Wurfmesser heraus. Staub legte sich auf ihre feingliedrigen Finger.

»Euer Aufwand interessiert mich nicht. Der Preis steht fest. Dieses Stück werdet Ihr auf dem Schwarzmarkt in fünf Jahren nicht los – wollt Ihr es so lang in Euer Schmuckkästchen legen? Es steht Euch sicher fabelhaft. Legt es schon um, nur zu.«

Valentina spürte ein Lächeln auf ihre Züge gleiten. Es hatte einige Zeit in Anspruch genommen, ihrem jungen Schützling die ungepflegte Sprache seiner Zeit auszutreiben. Nun vermochte er sich dem Alter jedes Wesens anzupassen und auch ein dreihundert Jahre altes Mitglied des Lichten Hofes angemessen niederzumachen. Nicht, dass der schmierige Händler der heutigen Ausdrucksweise nicht mächtig wäre. Kobolde wie er waren schlicht zu starrsinnig, auch nur die kleinste Veränderung hinzunehmen und fixiert auf jämmerliche Traditionen.

»Hm, ach … Verzeiht mein Zögern, werter Herr. Ein armer Kobold wie ich hat auch hungrige Mäuler zu stopfen und –«

»Oh, Erristomja«, unterbrach Valentina seine Rede und brachte ein tiefes Seufzen hervor. In aller Ruhe wandte sie sich den verhandelnden Männern zu und näherte sich dem massiven Tisch aus schwerem Eichenholz, an dem sie für diese überflüssige Verhandlung Platz genommen hatten. »Mein Liebling unter dem wuchernden Abschaum deines Volkes. Wir wissen doch alle, dass du nur dein eigenes Maul zu stopfen hast. So gern ich dich immer wieder mit einer anspruchslosen Sidhe zusammenbringe, wer würde es schon mit dir aushalten?«

Der Kobold schluckte schwer, seine grün strahlenden Augen verdunkelten sich. Er hielt ihrem Blick nicht stand, sah zur Seite, zog seinen Hut vom kahlen Kopf. Er hatte noch immer nicht dazugelernt. »Valentina, versteht doch, was für eine Gefahr dieses Schmuckstück in sich barg! Den Lichten Hof zu betreten, ist meiner selbst unmöglich, ich tauschte hier einen Gefallen, dort ein Goldstück ein, nur um Euch diesen Schatz zu beschaffen! Stellt Euch nur vor, ich wäre –«

»Michail, hast du diesem ehrenhaften Schwarzhändler unseren Preis im Voraus genannt?«

»Das habe ich.« Michails dunkle Augen blitzten, als er sich lächelnd zurücklehnte und die Arme vor der Brust verschränkte. Etwas zu gewollt, etwas zu betont ungerührt. Und doch besser als jeder andere ihrer Art, den sie in diesem Alter beobachtet hatte. Mit jedem Tag bewies er, dass er eine gute Wahl gewesen war.

»Dann sehe ich in diesem Fall kein Problem.« Schwer trafen die eisenbeschlagenen Absätze ihrer Stiefel auf den hölzernen Boden und erzeugten einen endgültigen Hall, als sie an den Hehler herantrat. Er ragte ihr gerade einmal bis zu den Knien.

Der Kobold blinzelte mehrmals, öffnete den Mund, schloss ihn wieder und deutete schließlich auf das samtbeschlagene Kästchen, das Michail nun auf seine Seite des Tisches zog. »Ich kann nicht … Mit Verlaub, das ist wirklich …«

»Es ist deine letzte Möglichkeit, Erristomja.« Sie beugte sich vor, legte eine Hand auf die Tischplatte und brachte ihre blutroten Lippen ganz nah an sein Ohr. »Mit mir verhandelt man nicht«, flüsterte sie und genoss den Hauch der Angst, die den Kobold erfasste. Der Griff um seinen Hut verkrampfte, bevor er ihn sich hastig wieder auf den Kopf zog.

»Das … das ist mir natürlich bewusst, Herrin. Also … bleiben wir beim vereinbarten Preis, bei meinem Goldtopf. Ein Gewinn für beide Seiten.«

Valentina verdrehte die Augen und wandte sich ab. Typisch feiger Kobold. Sie hatte schon einige Male von Erristomja gekauft und genau an diesem Punkt des Gespräches den Preis um die Hälfte gedrückt. Dies war ihr erster gezielter Auftrag an ihn gewesen – und es würde der letzte bleiben.

Mit einem Kopfnicken bedeutete sie Michail, dass der Abschluss des Kaufes nun wieder seine Aufgabe war. Tief einatmend suchte sie nach der sie sonst stets erfüllenden Ruhe, doch in dieser Nacht war sie so aufgewühlt wie seit zweihundert Jahren nicht mehr. Dabei war alles wie immer. Zu ihrer Linken leckten die Flammen des Feuers an den trockenen Holzscheiten, über ihr verbreitete ein funkelnder Kronleuchter seinen Schein. Fünf Eisenketten mit dutzenden glänzenden Gliedern hielten ihn an der hohen Decke. Zwanzig Meter führten die beiden ineinander verschlungenen Wendeltreppen aus massivem Holz und nachtschwarzem Marmor in die Höhe, bevor sie auf das Kellergeschoss trafen. Hierher verirrte sich niemand, der nicht von ihr persönlich eingeladen wurde.

Nachdenklich durchblickte sie den fensterlosen Raum. Keine weitere Tür führte aus ihm hinaus, zumindest keine sichtbare. Neben dem Kamin und dem Tisch, an dem Michail nun den Kauf abschloss, nahmen bloß noch drei Aktenschränke und ihr Schreibtisch ein wenig Platz ein. In der Mitte des Tisches thronte außerdem eine dekorative, aber auch äußerst nützliche goldene Schale voll klarem Wasser. Gewebte Teppiche lagen unter den Möbelstücken, die Mitte des Raumes blieb frei. Unzählige Kerben, Riefen und dunkel verfärbte Flächen zierten hier den Boden. Blut zog bedauerlicherweise äußerst schnell in das Holz ein. Es jedes Mal abzuschleifen, war die Mühe nicht wert. Jede der siebenunddreißig Waffen, die sich je zwei Schritt voneinander entfernt an die marmorne Wand reihten, hatte hier schon mehr Gegner niedergestreckt, als Erristomja Goldstücke in seinem Töpfchen bewahrte. Schwerter, Bidenhänder, Krummdolche, Speere, Äxte, Morgensterne, selbst Gewehre und neumodische Pistolen. In all den Jahren hatte sie den Umgang mit beinahe jeder Waffe perfektioniert. Nicht umsonst nannte Michail diesen Raum den Waffensaal. Herausforderer waren stets willkommen. So veränderten sich die Blutmuster auf den Holzdielen beständig. Etwas Abwechslung schadete nie.

»So nehmt hin, das gute Stück. Meine Dienste stehen Euch jederzeit wieder zur Verfügung, verehrter Meister Moldovan«, erklang es hinter ihr, als sie die Treppe erreichte. Der Saum des weiten Rockes schlug mit jeder Stufe um ihre Knöchel, während der dicke Stoff sich aufbauschte und ihre weiche Lederhose ein leises Knirschen von sich gab. Im Gegensatz zu den Kobolden wusste Valentina gewisse Neuerungen durchaus zu schätzen. Hosen zum Beispiel. Lange Zeit hatte sie die Gesellschaft dafür verachtet, Frauen wie sie in ein derart unnötig unpraktisches und demütigendes Gewand wie ein Kleid zu zwingen. Natürlich hatte sie dieser Zwang selten davon abgehalten, die einer Kriegerin und Generalin angemessene Rüstung zu tragen. Dennoch betrachtete sie die heutigen Freiheiten in gewisser Weise als Triumph über die elende Sturheit der männlichen Herrschaft.

Als sie den obersten Absatz der Treppe erreichte, war Erristomja bereits verschwunden. Ebenso wie die handgroßen Sidhe mit ihren ekelhaft bunten Flügeln und die hochgewachsenen, harmoniebedürftigen Fae vermochten die Kobolde ihre Gestalt verschwinden zu lassen. Unter der Herrschaft der obersten Fae Tilyána hatten sich diese drei Gattungen zusammengeschlossen. Fae, Sidhe und Kobolde gründeten den sogenannten Lichten Hof, eines der drei verbliebenen magischen Völker. Valentina hatte nie nachvollziehen können, was sowohl die Menschen als auch beinahe alle Mitglieder der magischen Gesellschaft an gierigen Kobolden, nervtötenden Sidhe und eingebildeten Fae schätzten … aber darüber bildete sie sich kein Urteil. Sie hasste schon zu viele Wesen, als dass sie auch noch die Flatterviecher auf ihre Abschussliste setzen konnte.

Valentina trat an die Brüstung der Galerie und legte die Unterarme darauf. Unter ihr nahm Michail die schlichte Schatulle vom Tisch und betrachtete den darin funkelnden Edelstein. Wunderschön, keine Frage, auch wenn Waldgrün noch nie Valentinas Farbe gewesen war. Ein inneres Leuchten durchdrang die geschliffenen Facetten. Die schmale Silberfassung verlief in einer fein geschwungenen Kette. Kein Fest ihres Hofes wurde begangen, ohne dass das Strahlen des Waldes Tilyánas Stirn schmückte. Tja. Dann mussten die poetischen Viecher ihre nächste Feier wohl verschieben.

Eine tiefe Zufriedenheit durchfloss ihre Adern, während Michail die Schatulle schloss und einsteckte. Das Wasser in der breiten Goldschale schlug feine Kreise, als er gegen den Tisch stieß. Dann hob er den Blick, nickte ihr zu und wandte sich um. Alles verlief nach Plan. Wenn Kadir in dieser Nacht endlich an sich brachte, wonach Valentina seit mehr als einhundertfünfzig Jahren suchte, rückte ihr Ziel in greifbare Nähe. Und es bestand kein Zweifel an seinem Erfolg.

Der verborgene Zugang fiel hinter Michail ins Schloss und verschmolz mit der Wand, während Valentina auf die einzelne metallene Tür zuhielt, durch die man das zweittiefste Gewölbe dieses Etablissements verlassen konnte. Schon lag ihre Hand auf dem silbernen Knauf, als ein eisiger Luftzug über ihren Nacken strich.

Die Zufriedenheit wich tiefer Unruhe. Energisch presste sie ihren Daumen auf das Zentrum des Knaufs, spürte die winzige Silbernadel ihre Haut durchstoßen, roch die Spur warmen Blutes, riss die Tür zurück – und erschauderte, als ihr mehr entgegenschlug als die muffige Kälte der steinernen Treppenstufen.

»Uh, Valentina! Du bist besonders warm heute, so schön lebendig … Hey, wo willst du denn hin?«

»Ich habe keine Zeit für unser Geplänkel, Charly«, rief sie, ohne sich umzusehen. Eilig erklomm sie die schmalen Stufen. Die Wand war rau, eine rußende Fackel erhellte den Gang. Kein Uneingeweihter hätte erahnt, was sich hinter der grauen Tür an dessen Ende verbarg. Ganz abgesehen davon, dass er diese ohne ihr eigenes oder Michails Blut nicht öffnen konnte. Eine weitere wunderbare Neuerung der heutigen Zeit: Technik. Nicht das einfache Zeug, das die Menschen so bejubelten, sondern speziell auf die Sicherheit ihrer Aufzeichnungen und Besitztümer zugeschnitten. Die Fae und Sidhe auszusperren, war beinahe unmöglich. Aber solang man diese nicht verärgerte, waren sie viel zu sehr auf Frieden und ein harmonisches Gleichgewicht bedacht, um eine Bedrohung darzustellen. Auch die meisten Geisterwesen konnte sie nicht davon abhalten, diese Tür zu durchdringen, aber es ging ihr einzig und allein um die …

»Dass du immer so hektisch bist, Valentina. Aber so ist das wohl, wenn man noch am Leben ist.«

Oh ja, die Geisterwesen: das zweite magische Volk. Sie hätte vieles dafür gegeben, dieses eine Exemplar loszuwerden. Ihr war ganz gleich, wohin. Nur weg.

Als wollte Charly diesem Gedanken bewusst widersprechen, erschien seine blasse Gestalt direkt vor ihr. Ruckartig hielt Valentina inne, stemmte beide Hände gegen die Wand und starrte in seine Augen. Es bedurfte einiger Übung, diese zu fixieren. Die durchscheinenden Umrisse waren im Licht der Fackel kaum auszumachen. Jegliche Farbe war mit dem Leben aus dem jungen Mann gewichen, der Charly einst gewesen war. Das war … puh. Waren es schon sechzig Jahre? Nein, etwas weniger. Michails erster Tag hier bei ihr in Genf.

»Schaust du wieder oben im Klub nach dem Rechten? Tanzt mit den Lebendigen?« Charly stieß ein Seufzen aus. »Hach, wie ich es doch vermisse …«

Und wie sehr sie erst ihre Ruhe vermisste.

»Aus dem Weg, Charly. Mach schon.«

Der Geist gab ein weiteres herzzerreißendes Seufzen von sich – derlei Laute hatte er in den letzten Jahrzehnten wahrlich perfektioniert – und schwebte ein Stück zur Seite. Valentina überwand die letzten Stufen und verharrte vor einer schmucklosen Wand. Flackernd tanzte das Licht der Fackeln über den Stein, während sie routiniert nach der Vertiefung in der rechten oberen Ecke tastete. Ein sachter Ruck und schon schwang die Wand nach vorn. Mit einem großen Schritt stieg sie in den hell erleuchteten Raum.

»Selbst du verachtest die Kälte des Todes, Valentina. Selbst du!«

Hinter ihr fiel das imposante, mannshohe Gemälde zurück an seinen Platz. Charly störte das natürlich wenig, denn diese Welt hatte keinerlei Einfluss mehr auf ihn. Während sie rasch den großzügigen Besprechungsraum durchquerte, warf Valentina ihrem anhänglichen Mitbewohner einen kurzen Blick zu. Die Weste mit der doppelten Knopfleiste war einmal tiefrot gewesen, für diese Farbe hatte sie auch schon in den Sechzigern eine Vorliebe gehabt und die Uniformen ihrer Bediensteten dementsprechend gestalten lassen. Ihm hatte sie gut gestanden, mit den einst dunkelblonden Haaren und den blauen Augen …

»Ich verachte den Tod nicht, Charly«, erwiderte sie. »Ich verehre ihn mehr als alles andere.« Sie erreichte die vorerst letzte Treppe und erklomm die ausladenden Stufen aus hellem Sandstein. Der untere Besprechungsraum diente bloß als weitere Vorsichtsmaßnahme. Wenn jemand schon diesen vermeintlich geheimen Raum entdeckt hatte, würde er nicht weitersuchen.

»Dann schick mich doch nicht jedes Mal weg! Lass mich mit nach oben kommen!«

»Nein, Charly. Das werde ich nicht.«

»Aber was soll ich denn dann tun?«

Ruckartig blieb Valentina stehen, als der Geist erneut vor ihr erschien. Er stand so nah, dass sie sich nicht an ihm würde vorbeidrängen können, ohne seine Gestalt zu berühren. Und sie hasste es, Geister zu berühren. Diese Welt mochte die Geister nicht beeinflussen, doch um in ihr sichtbar zu sein, entzog jedes Geisterwesen seiner Umgebung einen Teil Energie. Die damit einhergehende Kälte rief eins der ekelhaftesten Gefühle hervor, die Valentina je kennengelernt hatte. Charly wusste das. Und doch konnte er nicht von ihr lassen.

»Warum spukst du nicht ein wenig draußen am See herum?« Ein Lächeln fand den Weg auf ihre Züge. »Es ist beinahe Vollmond und recht warm. Sicher sind noch einige Paare unterwegs, die du beobachten kannst.«

»Am See?« Charly runzelte die Stirn. »Dort war ich lang nicht mehr.«

»Ich weiß, Charly. Es fällt dir schwer, zu gehen. Aber du liebst den Genfer See und die Fontäne, weißt du nicht mehr? Und du liebst, was du dort beobachten kannst. Es wird dich glücklich machen.«

Der Geist blinzelte. Sehnsucht trat in seinen leeren Blick. »Ja, der See … all die Liebe, all das Leben …«

»Genau, Charly.« Erleichtert betrachtete sie, wie er seine Entscheidung traf. Dies war sein Schwachpunkt: das Leben. Seitdem er das seine damals verloren hatte … Gut, das war vielleicht etwas zu sanft ausgedrückt. Seitdem Valentina gemeinsam mit Michail ihre Zähne in seinen Hals geschlagen und ihn somit unbedachterweise in die Geisterwelt gedrängt hatte, trieb Charly sein Unwesen hier bei ihr. Und beschwerte sich, wann immer er konnte, darüber, dass er selbst mehr oder weniger tot war.

»Hm, ja … Ich denke, ich …«

»Nun geh schon«, unterbrach sie ihn und nickte auffordernd. »Wenn du während der Dämmerung wiederkommst, darfst du bis zum Sonnenaufgang oben bleiben.«

Da erhellte sich Charlys Miene. »Oh ja! Dann verschwinde ich mal. Wir sehen uns später!«

Und schon verschwand er durch die Wand.

Kopfschüttelnd setzte Valentina ihren Weg fort. Sprunghaft und stur. Man könnte meinen, der Junge wäre bei seinem Tod zehn und nicht zwanzig gewesen. Sie konnte von Glück reden, dass sie ihn so gut unter Kontrolle hatte. Er hatte nie wirklich verstanden, was mit ihm geschehen war. Bis heute blieb er einfach in der Nähe seiner Mörder, ohne zu wissen, dass genau dieser Umstand sie auf ewig aneinander band. Valentina wusste dieses Band zu nutzen. So konnte sie ihn dazu bringen, sich nicht nur von Michail, sondern vor allem des Nachts von den oberen Etagen fernzuhalten. Das wäre nicht gut fürs Geschäft.

Auch am Ende dieses Ganges fand Valentina den Mechanismus, ohne hinzusehen. Die verborgene Tür öffnete sich lautlos und entließ sie in das, was sie der Einfachheit halber ihr Büro nannte.

Valentina trat auf der Rückseite des Raumes durch ein gewaltiges Gemälde, das sie nun wieder ins Schloss drückte. An der einzig geraden Wand aus grobem Stein standen zu beiden Seiten des geheimen Durchgangs zwei stählerne Kommoden. Genügend Stauraum für alle Dokumente, die sie guten Gewissens auch einmal aus den Augen lassen konnte. Im Zentrum des Büros standen sich zwei breite Ledersofas gegenüber, rechts davon ein Duplikat ihres Schreibtisches aus der unteren Etage, darüber und darauf etliche Monitore. Links eine gut bestückte Bar.

Valentina ging darauf zu. Sie zog eine der Flaschen samt Glas hervor und füllte es mit der farblosen Țuică, bevor sie an die massive Glasfront herantrat, die sich in einem Halbkreis von einem Ende des Raumes bis zum anderen zog, und auf ihre Welt hinabsah. Ihre dunkle Welt voller tanzender und trinkender magischer Wesen. Keine Hemmungen. Keine Regeln, außer der einen: Ihr Wort war Gesetz. Ihr Wort im weltweit bekanntesten Nachtklub für alles Nichtmenschliche, das etwas auf sich hielt. Le Dédain. Funkelnde Lichter zuckten über schwarz polierte Oberflächen, brachen sich in glänzendem Gold und blitzenden Kristallen. An acht Bars schenkten ihre Angestellten beinahe alles aus, um jedes der drei magischen Völker zufriedenzustellen. Im Zentrum der riesigen Tanzfläche drängte sich Fae an Afrit, Marid an Kobold und Sidhe an Vampir. Mit genügend Alkohol verschwammen hier die Grenzen der Völker und Gattungen. Natürlich hielten sich einige am Rand, saßen stumm auf einer der vielen Sitzgruppen und beobachteten das Geschehen teils unverhohlen skeptisch. Doch es würde nicht lang dauern, bis auch sie sich unter die Menge mischten. In dieser von Hass und Misstrauen durchzogenen Gesellschaft fernab der Menschen, gezeichnet von Krieg und Kampf und der Herrschaft der Mächtigen, widerstand niemand dem Drang nach Unbeschwertheit, Sorglosigkeit und kopflosem Vergnügen, wenn er es so deutlich vor Augen hatte. Niemand widerstand dem, was nur Valentina ihnen bieten konnte. Und sie gaben einiges dafür, es nicht mehr missen zu müssen.

Nachdenklich betrachtete sie all die ihr wohlbekannten Gesichter. Sogar einige Acephale drängten sich dort bei der dritten Bar, obwohl die kopflosen Geisterwesen die laute Musik kaum wahrnahmen und große Mengen sonst eher mieden. Valentina konnte das durchaus nachvollziehen. Würde auch sie die Weisheit der ungehörten Seelen verkörpern und diese in sich tragen, ohne jemals ein Wort verlieren zu können, stünden soziale Kontakte wohl weit unten auf ihrer Prioritätenliste. Ganz abgesehen davon, dass diese Gattung der Geisterwesen zwar keinen Kopf hatte, doch Augen und Nase auf der Brust trug und direkt in die Seele ihres Gegenübers zu blicken vermochte. Diese Fähigkeit machte die Sache mit den sozialen Kontakten nicht einfacher.

Langsam setzte sie das Glas an die Lippen und überschlug die Anzahl der Maride auf der Tanzfläche. Es waren mehr als üblich, wie immer an solch speziellen Tagen. Von einem angenehmen Brennen begleitet rann das Gebräu ihre Kehle hinab und hinterließ den typischen Nachgeschmack vergorener Pflaumen, den sie als Kind gehasst hatte. Heute vermittelte er ihr ein Gefühl von Ruhe, das sie nicht mehr oft …

»Herrin!«

… genießen konnte.

Langsam nahm sie einen weiteren Schluck der Țuică, bevor sie sich von der Scheibe abwandte, um dem ungebeten Eingetretenen einen kalten Blick zu schenken. Jean, einer jener menschlichen Sicherheitsmänner, die an den vorderen Toren den Schein der Normalität wahren sollten, bemerkte seinen Fehler gerade in diesem Moment. Zumindest deutete der einzelne Schweißtropfen auf seiner Stirn darauf hin.

»Herrin, ich …«

»Du hast mir etwas äußerst Wichtiges mitzuteilen?«

Jean nickte und biss sich auf die Lippe. »Es geht um den Vordereingang, Herrin, es … gibt Probleme.«

Ungeduldig klopfte Valentina mit den Nägeln gegen das kristallene Glas. »Drück dich deutlicher aus.«

»Es …« Hastig holte Jean Luft und strich sich das dunkle Haar aus der Stirn. »Eine Gruppe verlangt Einlass. Sie lassen sich nicht vertreiben. François sagte, darum würdet Ihr Euch … persönlich kümmern.«

Ihr klopfender Finger hielt inne. »Sagte er das?«, murmelte sie, leerte das Glas in einem Zug und stellte es klirrend zurück auf die Bar. »Dann werde ich das wohl tun.«

Mit langen Schritten durchmaß sie den Raum, hielt dicht vor Jean inne und hob eine Augenbraue, als ein unverwechselbarer Geruch an ihre Nase drang. Abschätzend legte sie den Kopf zur Seite und fixierte den Mann vor ihr, während die Bässe der Musik an ihre Ohren und in ihren Körper drangen. Sacht hob sie die Hand, legte einen Finger unter sein Kinn und strich über die feine Kruste einer frischen Verletzung an seiner Wange. Darunter pulsierte das Leben. »Du solltest davon absehen, in meinem Klub zu bluten, wenn du an deinem erbärmlichen Leben hängst«, raunte sie. »Es gibt Wesen, die meine Beherrschung nicht teilen.«

Kurz genoss sie den bodenlosen Schrecken in seinen Augen. Das Funkeln darin, das zitternde Pochen an seinem Hals. Dann trat sie zurück und stieg die Treppe hinab.

Flackernde Lichter tanzten durch das gesamte Areal, spiegelten sich in den metallenen Flächen und erschufen eine traumartige Atmosphäre. Dichte weiße Schwaden waberten über den Boden der Tanzfläche, verschluckten die Füße der Tanzenden. Das dunkle Leder der geschwungenen Sitzmöbel schimmerte im Schein der dahinter flackernden Kerzen, unzählige Kronleuchter funkelten an der Decke und warfen wilde Muster in die Nebelschwaden.

Unter dröhnenden Klängen wogte die Menge von einer Seite zur anderen und folgte der Melodie auf mehr oder weniger harmonische Weise. An keinem anderen Ort kamen all diese Wesen so dicht zusammen wie hier, unter ihrer Gewalt. Lichter Hof, Geisterwesen und Dschinn. Alle magischen Völker dieser Welt.

Sie musste die Arme nicht heben, damit die Gäste vor ihr zurückwichen. Sobald der Erste ihre wallende blutrote Mähne erkannte, breitete sich die Kenntnis ihrer Anwesenheit einer Welle gleich aus. Unzählige Blicke folgten ihr, während sie den Tanzsaal mit harten Schritten durchquerte.

Unwirsch schob sie den Vorhang aus kreisförmigen Metallplatten aus dem Weg, der den Eingangsbereich des Klubs von einem Großteil der Musik abschirmte. Valentina ging vorbei an den Stehtischen und der langen Garderobe, bis sie endlich das Hauptportal erreichte. Manchmal verfluchte sie all die Zeit, die sie in diesem Gebäude mit Laufen verbrachte. Andererseits … sie hatte keinen Grund, sich über den Mangel an Zeit zu beschweren.

Die am Eingang postierten Männer nickten ihr zu und zogen das deckenhohe Portal mit den prunkvollen Goldverzierungen für sie auf. Kühle Nachtluft wehte ihr entgegen und strich angenehm über ihre ohnehin eiskalte Haut. Das war auch schon die einzige Annehmlichkeit, die sie ihrem neuen Standort abgewinnen konnte. Ansonsten war es vor allem eines: laut. Der Lärm der nahen und auch um diese Zeit viel befahrenen Pont du Mont-Blanc verursachte ein Rauschen in ihren Ohren, bloß übertönt vom unablässigen Gerede der auf Einlass wartenden Menge. Eine zentrale Lage. Fluch und Segen zugleich.

»Hey, Lady! Können wir jetzt rein? Wir warten schon ewig!«

Stirnrunzelnd sah sie zu dem jungen Mann, der ihr diese Worte zugerufen hatte. Er stand ganz vorn in der meterlangen Schlange. Was war die beste Tarnung für einen Klub magischer Wesen? Richtig, ein Klub für Menschen in der oberen Etage. Keine der Behörden fragte weiter nach, wenn man eine halbwegs plausible Erklärung hatte – und für besonders beharrliche Beamte hatte sie ihre Leute.

»Herrin!« Ein durchaus beeindruckendes Exemplar der menschlichen Rasse trat auf sie zu, senkte den Kopf und schirmte sie von den Blicken der Jugendlichen ab. Die kurz geschorenen Haare und der massige Körper sprachen dafür, dass er den Aufgaben am Eingang eines Klubs gewachsen war. Glücklicherweise hatte François auch noch Köpfchen. Zumindest genug, um sich zu merken, wen er einlassen durfte und wen nicht.

»Ich bin untröstlich. Ich habe mein Möglichstes getan.«

»Dessen bin ich mir sicher, François.« Sie schenkte ihm ein wohlwollendes Lächeln, sah an ihm vorbei und erkannte das Problem mit einem Blick. »Es wäre von Vorteil, den vorderen Teil der Wartenden etwas … abzugrenzen.«

François nickte sofort und winkte jemandem, während Valentina sich zur Seite wandte. Undeutlich vernahm sie empörte Rufe, als weitere Sicherheitsleute was auch immer taten, um die Menschen von dem abzulenken, was sie ansonsten gleich sehen würden.

»Ihr könnt gehen«, wies sie die zwei Männer in weinroten Uniformen an, die das Problem mit erhobenen Händen davon abgehalten hatten, dem Eingang zu nahe zu kommen. Oder den Menschen. Wie man so wollte.

»Die ehrwürdige Valentina«, fauchte das offensichtlich größte Problem. Wie immer hatte er eine nette Gestalt gewählt. Groß, beinahe so breit wie François, blasse Augen. Dummerweise waren ihm die Gesichtszüge etwas verrutscht, und das im wörtlichen Sinne. Die rechte Wange hing ein gutes Stück zu weit Richtung Boden. »Wieso lässt man uns nicht ein? Du hast uns vor Jahren Zutritt zu deinem Klub gewährt! Was nimmt sich dieser Abschaum heraus, uns abzuweisen? Wir werden nicht –«

»Yasin, Yasin.« Beschwichtigend hob Valentina die Hände und kam kurz vor dem Angesprochenen zum Stehen. »Du weißt, ich schätze Widerstand nicht.«

»Widerstand? Wir erfüllen all deine Bedingungen! Es ist unser gutes Recht, hier unsere Geschäfte –«

»Das ist es nicht, Yasin.« Sie zwang sich zu einem Lächeln. »Es ist mein Recht, mit deinerlei zu verfahren, wie immer es mir beliebt. Und heute beliebt es mir nicht nach Ghulen.« Es war nicht so, dass sie an irgendeinem anderen Tag auch nur einen Moment in der Gegenwart der niedersten Dschinngattung verbringen wollte, aber das Geschäft ging vor. Für manche Aufträge waren höher gestellte Wesen einfach zu schade … dann schickte ein Teil ihrer Klientel gern diese aus Tod und Verderben geborenen, magisch unbegabten Gestaltwandler.

Yasin warf einen kurzen Blick zurück zu seinen sechs Begleitern. Bloß in der Valentina bekannten menschlichen Gestalt erhielten die Ghule Zutritt zum Le Dédain. An beinahe jedem Abend, wie alle anderen Gattungen auch. Doch von Zeit zu Zeit nahm sie es sich heraus, bestimmte Gruppen auszuschließen. Mal diese, mal jene, um auch ihre anspruchsvollsten Gäste glücklich zu stimmen. Manche Maride warteten stets auf die ghulfreien Abende. Wer konnte es ihnen verdenken.

»Wir haben etwas Geschäftliches zu erledigen, Valentina. Wir werden nicht gehen, ehe wir unseren Partner gesprochen haben.«

»Ah. Und hast du jemanden dort hinter dieser Tür, der deinen Partner zu dir rausbeordern könnte?«

Der Ghul runzelte die Stirn. Ein grotesker Anblick, zuvor war ihr gar nicht aufgefallen, wie missgestaltet auch die Stirnpartie war. »Natürlich nicht!«

Das hatte sie befürchtet. »Und du hast nicht vor, zu gehen, selbst wenn ich es befehle?«

Dieser Satz schien ihn etwas zu verunsichern. Dennoch hob er den Kopf. Vor seinen Begleitern blieb ihm wohl nichts anderes übrig.

»Pah! Befehle. Wir sind auf einer Straße, nicht in deinem Klub, und ich verlange eine vernünftige Erklärung dafür, dass du uns gerade heute Abend –«

Er sah den Schlag nicht kommen. Mit voller Wucht traf Valentinas geballte Faust auf seine missgebildete Wange, schleuderte seinen Kopf zur Seite und prägte den Umriss ihres Familienringes in die dunkle Haut. Noch bevor der Dschinn sich fangen oder gar seine Gestalt wechseln konnte, lag ihre andere Hand an seinem Unterarm und riss diesen so ruckartig zur Seite, dass er taumelte und zur Seite gekippt wäre – hätte nicht gleich darauf ihr Absatz seine Hüfte getroffen.

Ein dumpfes Keuchen entwich Yasins Kehle, als er das Gleichgewicht verlor und nach hinten fiel. In aller Ruhe griff Valentina an ihren Gürtel und zog ihren Dolch. Die kurze Klinge schimmerte silbern im fahlen Licht des Mondes und war von gräulichen Linien durchzogen.

Benommen blinzelnd setzte der Ghul sich auf und war einen Atemzug später schon wieder auf den Beinen. Wut schimmerte in seinen Augen. »Wie kannst du es wagen! Das verstößt gegen –«

Mit zwei Schritten war sie bei ihm, umschloss seine Kehle mit einer Hand und hob ihn vom Boden. Seine Gestalt begann zu flimmern. »Du bist nicht der Erste deines Volkes, der in diesem Punkt falsch informiert ist.«

Yasins Augen weiteten sich, als er den Dolch und das verräterische Schimmern der Klinge entdeckte. Er umklammerte ihre Hand an seinem Hals und bohrte die Nägel in ihre Haut, als sie sich zu ihm vorbeugte.

»Ich brauche mich nicht zu erklären, Yasin«, raunte sie in sein Ohr. »Nicht hier, nicht vor dir oder sonst jemandem. In meinem Klub ist mein Wort Gesetz.«

»Bitte …« Der Ghul rang nach Luft, starrte auf den Dolch und begann zu zittern. »Das ist … doch nicht nötig. Wir verschwinden, Valentina. Lass uns einfach ver–«

Ihr Seufzen unterbrach ihn. »Es tut mir wirklich leid, Yasin.« Das tat es wirklich. »Aber niemand untergräbt meine Autorität, ohne dass sein Kopf rollt.«

Routiniert trieb sie die Klinge durch Fleisch und Knochen, ohne den Blick von Yasins Gesicht abzuwenden. Der Atem des Ghuls stockte, als das Silber seine Wirkung entfaltete. Kurz zeigten sich die grauen Spuren des Cadmiums an den Wundrändern, dann erfasste ein seichter Schimmer die Klinge, griff auf den Körper über – und löste ihn auf. Yasins Hülle fiel von ihm ab und hinterließ nichts als das verrottete Gerippe, das er einmal gewesen war. Die Knochen polterten zu Boden, direkt vor die Füße seiner Begleiter.

Ruhig senkte Valentina den Arm. Sie triumphierte nicht beim Anblick von Yasins Ende. Es war, wie sie zu Charly gesagt hatte: Sie verehrte den Tod mehr als alles andere, und manchmal verfluchte sie es, dass er zu ihrem Wesen gehörte wie der Donner zur Kraft des Gewitters. Doch das änderte nichts daran, dass manche Tode notwendig waren – und dass sie nicht zögern würde, ihren Dolch ins Herz einer jeden Seele zu stoßen, die sich ihr in den Weg stellte. Sie tötete, wenn es nötig war. Auch wenn es sie nicht erfüllte. Schon lange nicht mehr.

Sie warf einen letzten sehnsuchtsvollen Blick auf den inzwischen so selten gebrauchten Dolch und ließ ihn zurück in seine verzierte Hülle gleiten. Diese Waffe hatte sie in den beinahe sechshundert Jahren ihres Lebens begleitet und würde es bis zu ihrem Ende tun.

»Wie kannst du es wagen!«

Was fanden nur alle an diesem Satz? Valentina sah auf und begegnete den feurigen Blicken der übrigen Ghule. Sie hatten kaum noch Gewalt über ihre Gestalt, verdrehte Hörner und verformte Gliedmaßen flimmerten unter der menschlichen Hülle.

»Verfluchte Vampirin!«

Das brachte Valentina zum Lächeln. Mehr als ein toter Ghul war nicht nötig, um ihren Ruf zu wahren und die anderen zu vertreiben. Ruhig wandte sie sich um und vernahm noch im selben Moment die sich entfernenden Schritte der unerwünschten Gäste.

»Ihr wisst ja gar nicht, wie recht ihr damit habt.« Im Gehen hob sie die Hand und beorderte einen der anderen Türsteher zu Yasins verrottenden Überresten. Dann durchschritt sie das geöffnete Portal und kehrte zurück in ihr Reich der Dunkelheit.